NerobergBowlingNerobergbahnRathausMarkt

   Home Startseite     Webseite 2 Pressemitteilungen     Webseite 3 Fraktions-Zeitung     Aktuell Aktuell     Kontakt Kontakt

Über die Fraktion / Rathausinformationen

Stadtverordnete
Ausschußsitzungen
Veranstaltungen
Pfeil Themen
Anfragen Anfragen der BLW
Anträge Anträge der BLW
Impressum


Michael von Poser
Stadtentwicklung und Architektur in Wiesbaden -
einst und jetzt

City Ost
Wach geworden für die Planungsprobleme unserer Stadt bin ich Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Zusammenhang mit den Mayschen Entwürfen zu einem neuen Wiesbaden. Ich war Literat und eher introvertiert, aber es fiel mir plötzlich auf, wie schöne alte Häuser abgerissen wurden und an ihrer Stelle langweilige und häßliche entstanden. Es dauerte eine Weile, bis ich das ganze Ausmaß der Mayschen Planung begriff. Er wollte den gesamten Villenbestand östlich der Wilhelmstraße beseitigen, die Straßenführung dort ändern und große Kästen errichten, wie sie jetzt an der Berliner Straße stehen. Die Villa Clementine, unser Literaturhaus, sollte zugunsten einer U-Bahn-Station der Verbindung nach Frankfurt fallen.  Reste der Altstadt im Bereich der Grabenstraße waren für einen Großparkplatz vorgesehen. Auch im Bergkirchenviertel sollte der alte Bestand wegrasiert und durch Neubauten ersetzt werden. Dazu kamen die Trabantensiedlungen Klarenthal, Schelmengraben, Parkfeld, die tatsächlich ausgeführt wurden.

Maysche Pläne Bergkirchenviertel
Die Mayschen Pläne für das Bergkirchenviertel

Als Jörg Jordan, Achim Exner und ich den Bürgerprotest gegen die Mayschen Pläne organisierten, waren diese vom Parlament mit großer Mehrheit abgesegnet worden und Spekulanten besonders aus Frankfurt hatten begonnen, die Mieter zu vertreiben. Ich darf nebenbei bemerken, daß von den Denkmalschützern so gut wie keine Unterstützung für uns kam. Wie bekannt hatte der Aufstand der Bürger Erfolg, das Parlament hob den eigenen Beschluß auf und dekretierte das Gegenteil, die Erhaltung des Gebietes. Jörg Jordan hat dann als Planungsdezernent dafür die Rechtsgrundlagen geschaffen, anfangs mußte er vor historischen Gebäuden in Spekulantenhand nachts Wachen aufstellen, um zu verhindern, daß sie demoliert wurden. Die „City Ost“, die Professor May wollte, ist nicht verwirklicht worden. Doch muß man konstatieren, daß das Bauspekulantentum dem Gebiet gerade in letzter Zeit wieder sehr zusetzt durch das, was man Verdichtung nennt, am liebsten würde man an jeden Altbau einen Neubau ankleben und auch noch den letzten Garten zukleistern, ich  erwähne  die Fälle der Frankfurter Straße 5, der Lessingstraße 9 und das Baugeschehen in der Beethovenstraße und Umgebung.

Frankfurter Straße 5
Frankfurter Straße 5

Lessingstraße 9
Lessingstraße 9

Ich denke, daß die große Mehrheit der Bevölkerung es richtig findet, daß der historische Bestand nicht zerstört wurde. Eine Bewerbung um den Titel Weltkulturerbe wäre, wenn man die Mayschen Pläne ausgeführt hätte, nicht in Frage gekommen.

Dernsches Gelände
Ein weiteres Beispiel von dramatischem Zuschnitt, wo sich ebenfalls erwiesen hat, daß sich die Vorstellungen der Planer nicht unbedingt mit denen der Bürger decken, ist die Auseinandersetzung um die Bebauung des Dernschen Geländes in den neunziger Jahren. Als meine Freunde und ich die Initiative zur Verhinderung des Schweger-Baus ins Leben riefen, hatte wir seltsamerweise den inzwischen Oberbürgermeister gewordenen Achim Exner zum Gegner, mit dem zusammen wir doch Professor May bekämpft hatte. Aber so geht Politik. Die Rathausmehrheit wollte auf dem Dernschen Gelände einen teilweise achtstöckigen Großbau errichten. Das war nicht der erste Versuch, dieses durch historische Zufälle freigebliebene Areal zu überbauen. Im Dritten Reich sollte hier ein von Monumentalbauten flankierter Aufmarschplatz entstehen. Wettbewerbe fürs Dernsche Gelände haben danach immer mal wieder stattgefunden, und ein Architekt hat einmal zu mir gesagt, man müsse den Platz noch ein paar Jahrhunderte freihalten, damit sich die Architekten mit ihren Ideen immer wieder austoben könnten. Ich hoffe, daß es nicht so kommt, aber wissen kann man es nicht. 1994 kam es zu dem von uns initiierten Bürgerentscheid, bei welchem ca. 86% der Bevölkerung gegen den Schweger-Bau stimmten und sich unserer Beurteilung: „zu groß, zu häßlich, zu teuer“ anschlossen. Nach meiner Kenntnis war es der erste Bürgerentscheid in einer deutschen Großstadt, der gewonnen wurde.

Dernsches Gelände
Dernsches Gelände


Wenn wir die Bebauung nicht verhindert hätten, könnten dort heute weder der Wochenmarkt noch das Weinfest stattfinden. Doch denke ich, daß die jetzige Gestaltung unvollkommen ist. Ein richtiger Platz braucht eine Rahmung, eine Abschirmung zur Straße hin. Wir wollten eine moderate Randbebauung an der Friedrichstraße, wir haben auch lange Verhandlungen in der Sache geführt, aber das Projekt wurde von der Verwaltung  abgeblasen. Ich war immer überzeugt, daß ein schöner Brunnen auf dem Dernschen Gelände sein muß und habe die Verwaltung  dahin  gebracht,  einen entsprechenden Wettbewerb auszuloben.
Das Unternehmen ist gänzlich schiefgegangen, das hing meines Erachtens mit falschen Vorgaben und einer falschen Auswahl von Künstlern zusammen. Doch das ist eine Geschichte für sich.

Bowling Green
Ich will noch ein drittes Beispiel für einen Streit um stadtplanerische Fragen anführen, die Tiefgarage Bowling Green. Ich weiß, daß hier die Sympathien nicht so klar verteilt sind wie sie es in den beiden andern Fällen waren.
Beim Bowling Green ging es um Erhaltung oder Umbau eines denkmalgeschützten Ensembles. Zwei Bürgerinitiativen haben, immerhin ohne irgendwelche Eigeninteressen zu vertreten, gegen den Bau der Tiefgarage gekämpft. Inzwischen war die Verwaltung aber auch schlauer geworden, und hatte Vorkehrungen getroffen, die alle Planungsschritte rechtlich absicherten. Die Protestaktionen waren deshalb erfolglos.

Bowling Green alt
Das Bowling Green vor dem Bau der Tiefgarage mit altem Baumbestand

Über das Ergebnis kann man streiten. Ich höre immer wieder die Meinung, wie schön, besonders wie schön ordentlich das Bowling Green geworden sei. Ich selbst finde es steril. Keine Blume und viel totes Grün. Es hat sich zu einer Eventfläche gemausert, und das war bestimmt im Sinne der Planer, die ursprüngliche Begründung, das Blech vor dem Kurhaus müsse fort, ist längst ad acta gelegt, man denke an den BMW-Pavillon auf dem Rasen oder die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft.
Vor allem aber ist es nicht mehr das denkmalgeschützte Ensemble Bowling Green. Eine Parkanlage über einer Tiefgarage kann nicht natürlich wirken. Ein renommierter Fachmann für Gartendenkmalpflege, Peter Jordan aus Aschaffenburg, hat für uns ein Gutachten zum Zustand der Wiesbadener Parkanlagen angefertigt, er hat es auch hier im Presseclub erläutert. Er kommt zu dem Ergebnis, daß das Bowling Green in seiner ursprünglichen Form nicht mehr existiere, daß es bloß das Denkmal eines Denkmals sei. Insofern vertrete ich weiter die Meinung, daß der Bau einer Tiefgarage unter dem Bowling Green ein städteplanerischer Fehler war.

Bowling Green neu
Das Bowling Green heute

Resümee
Die geschilderten Auseinandersetzungen zeigen, daß es bei wichtigen Bauprojekten sehr starke Meinungsverschiedenheiten zwischen bestimmten Gruppen von Bürgern und der Verwaltung gegeben  hat.  Die  Verwaltung hat daraus nicht den Schluß ge-zogen, daß sie etwas an ihrer Linie ändern müsse, sondern ist zu der Auffassung gekommen, der Einfluß der Bürger auf die Stadtplanung müsse zurückgedrängt werden, die Fachleute hätten zu entscheiden, nicht die hauptsächlich Betroffenen. Als Kommunalpolitiker berate ich Bürgerinitiativen, und diese machen eigentlich immer die gleiche Erfahrung: daß ihre Intervention unerwünscht ist. Die vom Gesetz geforderten Bürgerversammlungen sind in Wiesbaden fast ausnahmslos Alibi-Veranstaltungen, bei den wichtigen Sachen will man sich nicht hineinreden lassen. Die Folge dieser Haltung ist, daß die schon traditionelle Konfrontation immer wieder auflebt, man denke an die Debatten um das Luisenforum, das Stadtmuseum, die Dernschen Höfe, den Schiersteiner Hafen, das Kureck usw.  
Es wird nicht der Versuch unternommen herauszufinden, wie die Bürger oder um es realistisch zu formulieren, die an ihrer Stadt interessierten Bürger zu wichtigen Vorhaben mehrheitlich stehen, obwohl doch für diese Bürger Stadtpolitik gemacht wird und sie die Mittel dafür aufbringen müssen. Wir haben im Stadtparlament beantragt, daß in Sachen Stadtmuseum eine repräsentative Umfrage abgehalten wird, um festzustellen, ob die Bürgerschaft diesen Bau zu diesem Preis haben will. Unser Antrag wurde abgelehnt, ich denke,  weil man Angst vor einem nicht genehmen Votum hat. Der Bürgerentscheid am Dernschen Gelände steckt den Politikern noch in den Knochen, nur das nicht wieder! Damals hat die Politik nicht einmal 15% der Stimmen erhalten.
Man behauptet einfach, die kritischen Stimmen seien in der Minderheit, ohne es nachzuprüfen. Ich weiß auch nicht, wie die Bürger im Fall des Stadtmuseums entscheiden würden, halte es aber für wichtig, daß Stadtgestaltung nicht gegen einen Mehrheitswillen in der Bevölkerung betrieben wird. Ab und zu muß man einfach einmal testen, ob man sich nicht zu weit von diesem Mehrheitswillen entfernt hat. Die Politiker verweisen, um darzutun, daß sie auf dem richtigen Weg sind, auf die günstigen Rankings, die Wiesbaden von außerhalb zuteil werden. Ich will diese Rankings nicht unterschätzen, man muß aber darauf aufmerksam machen, daß dabei die Qualität der Stadtplanung kaum eine Rolle spielt, sondern quantifizierbare Dinge wie Gewerbesteuereinnahmen, Umsätze und Zahl der Besucher  der Fußgängerzone. Das subjektive Element fällt fast ganz weg. Das Amt für Statistik hat im Jahr 2007 eine Umfrage zur Lebensqualität in deutschen Städten veröffentlicht. Bei der Zufriedenheit mit der eigenen Stadt rangiert Wiesbaden im untersten Bereich, sogar hinter Braunschweig und Oberhausen. Bei der Frage, ob es sich gut wohnt in der jeweiligen Stadt, kommt nach Wiesbaden nur noch Saarbrücken.
Man muß vielleicht auch eine solche Umfrage nicht zu ernst nehmen, aber die Kritik an stadtplanerischen Entscheidungen ist immer da und kommt nicht nur von wenigen einzelnen. Die Stadtplaner halten sie für unangebracht und machen weiter wie eh und je. Sie erklären Bürgerproteste als ein Aufbegehren des Konservativismus gegen den Modernismus, des Mangels an Sachverstand gegen den Sachverstand. Wie kommt es aber, daß im Namen von Modernismus und Sachverstand die Stadt immer häßlicher wird? Die Dinge sind meines Erachtens nicht in so einfachen Kategorien zu beschreiben, wie die Stadtplaner das tun. Wir müssen, um verläßlichere Beurteilungskriterien zu gewinnen, einen Blick in die Geschichte Wiesbadens in stadtplanerischer Hinsicht tun.

Stadtplanung in der Vergangenheit
Man kann baugeschichtlich die Entwicklung der Stadt in vier Hauptperioden einteilen: das römische Wiesbaden, das mittelalterliche Wiesbaden, das bis ins 19. Jahrhundert hineinreicht, in die Zeit, in der die Mauern fielen, die Bäderstadt in nassauischer und preußischer Zeit und das moderne Wiesbaden seit dem Ende des 1. Weltkriegs.
Um sich Klarheit zu verschaffen über die Bedeutung stadtplanerischer Maßnahmen, muß man die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigen. Es wird angenommen, daß Wiesbaden zur Zeit seiner Blüte als römisches Bad zwischen zwei- und dreitausend Einwohner hatte, soviel wie am Ende des 18. Jahrhunderts. Dazwischen gab es Zeiten der Entvölkerung, so im Dreißigjährigen Krieg, wo gelegentlich Füchse und Rebhühner das Straßenbild beherrschten. 1648 wurden 80 Bürger gezählt. 1699 waren es 730. In der ganzen Zeit seit der Begründung der Stadt bis 1800 lag die Bevölkerungszahl immer unter 3000. Die 3000 wurden erst 1807 erreicht. Ein Jahrhundert später waren es schon 100.000 und jetzt sind wir bei fast 300.000. Das bedeutet: in den ersten 1800 Jahren hatte Wiesbaden eine nur sehr geringfügige Einwohnerschaft, in den letzten zwei Jahrhunderten hat sie sich verhundertfacht. Erst seit die Mauern fielen und die Stadt sich in alle Richtungen ausdehnte, ist die Stadtplanung zu einem Hauptgebiet der Kommunalpolitik geworden, erst da traten die großen Baumeister wie Zais auf, erst da wurden die Generalpläne aufgelegt und erst seitdem gibt es die Auseinandersetzungen um das Stadtbild. Für Wiesbaden wird ein weiterer Bevölkerungsanstieg prognostiziert, stadt- planerische Fragen werden also schon aus diesem Grund brennend bleiben.

Aquae Mattiacorun
Das römische Wiesbaden (Aquae Mattiacorum), das grob gesprochen von Christi Geburt bis ins späte 4. Jahrhundert bestand, hatte seinen Mittelpunkt am heutigen Mauritiusplatz und zog sich beiderseits der Langgasse hin, die großen Thermenanlagen befanden sich westlich der Langgasse und am Kranzplatz.

römische Thermen Kranzplatz
Die römischen Thermen am Kranzplatz während der Ausgrabungen

Da der Ort auch Militärstandort war, kann man annehmen, daß die stadtplanerischen Festlegungen von den militärischen Machthabern getroffen wurden. Es gab aber auch eine am Baugeschehen beteiligte Bürgerschaft, die sich übrigens  aus den unterschiedlichsten Ethnien zusammensetzte. Wohlhabende Bürger errichteten sich  nicht nur ihre eigenen Häuser, sondern stifteten auch Heiligtümer und sorgten für deren Erhaltung. Hygienische Standards waren, verglichen mit dem was später kam, eher hoch. Das römische Wiesbaden muß, sofern nicht kriegerische Ereignisse es unterbanden, über ein sehr reges und farbiges urbanes Leben verfügt haben.

Mittelalterliches Wiesbaden
Nach dem Ende der römischen Herrschaft, verschwand Wiesbaden erst einmal für über 400 Jahre aus der Geschichtsschreibung. Unter dem Namen Wisibada tauchte es im 9. Jahrhundert in einem Reisebericht von Einhard, dem Biographen Karls des Großen, wieder auf. In den folgenden Jahrhunderten existierte es, von Wall, Mauer und Graben umgeben als Landstädtchen vor sich hin, ab und zu von fremden Heeren eingenommen und zerstört. Seit dem späten 13. Jahrhundert war es ganz in nassauischer Hand.
Stadtplanung in einem modernen Sinn dürfte kaum stattgefunden haben.  Nach dem Dreißigjährigen Krieg bemühte sich der nassauische Fürst die dezimierte Bevölkerung zum Häuserbau zu animieren, indem er kostenlose Bauplätze zur Verfügung stellte und Steuerbefreiungen gewährte.
Wiesbaden war durchzogen von Bächen, die Häuser standen in einem wirren Durcheinander an schmutzigen Gassen, wo sich das Vieh und die Hunde tummelten. Es wird über den Unrat all-überall, selbst im Kochbrunnen, geklagt. Es gab die Bäder in privater Hand, die dort herrschenden hygienischen Zustände würden einem modernen Menschen ein Grauen einflößen. Wiesbaden hatte seine Hauptkirche, am Mauritiusplatz, die hatte allerdings verglichen mit andern mittelalterlichen Kirchen in deutschen Städten eher einen bescheidenen Zuschnitt. Das Zentrum hatte sich gegenüber dem römischen Ort insofern verlagert, als Verwaltung nunmehr weiter östlich stattfand. Burg und Rathaus lagen in dem Gebiet des heutigen Schloßplatzes. Es war deshalb nur konsequent, daß später, als in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Mauritiuskirche abbrannte, dort kein Nachfolgebau entstand, sondern die Marktkirche  gegenüber dem Schloß entstand.

Mauritiuskirche
Die Mauritiuskirche

Die Mauern des mittelalterlichen Wiesbaden sind nach 1800 abgetragen worden, von der alten Bausubstanz ist heute kaum noch etwas erhalten, selbst das alte Rathaus ist mehrfach bis zur Unkenntlichkeit umgebaut worden. Diese Beseitigung der mittelalterlichen Stadt erscheint weniger bedauerlich, wenn man bedenkt, daß das, was dann kam soviel solider und glänzender war.

Kur- und Bäderstadt in nassauischer und preußischer Zeit
Nachdem Wiesbaden 1806 Hauptstadt des Herzogtum Nassaus geworden war, erfolgte ein beispielloser Aufstieg als Kur- und Bäderstadt. Dabei wurden die klassizistischen Formen der Goethe-Zeit von Neoromantik und andern Ausprägungen des Historismus überlagert, bis zu jenem baulichen Gesamtkunstwerk, das Nizza des Nordens genannt wurde. Noch auf frühen Luftbildern Wiesbadens sieht man die architektonische Stimmigkeit und Einpassung in die Landschaft von der Rheinfront bis hinauf zu den Forsthäusern am Taunusrand. Man kann ein Gegner des Historismus sein, und damals als wir gegen die Abbruchpläne von Professor May vorgingen, waren es eigentlich noch alle, einschließlich der Denkmalschützer. Aber man muß doch zugeben, das Wiesbaden in dieser Zeit durch eine nie gesehene Fülle individueller und auch prächtiger Bauten bereichert wurde. Identifikation mit einer Stadt hängt eng mit deren Individualität zusammen.
Der 1. Weltkrieg hat dem eigentlich schon verwirklichten Traum von der Weltkurstadt ein Ende gesetzt. Rückblickend geben   sich   die  städteplanerischen  Grundsätze  jener  Epoche durchaus zu erkennen. Die ganze Entwicklung zielte auf die Ausführung einer Grundidee, nämlich der Herstellung eines glanzvollen Ortes, der dem Wohlbefinden dienen sollte. Wie ein Mensch, der gefallen will, sich schön macht, so war das hier auch für eine ganze Stadt das Prinzip. Dabei ging man nicht einseitig vor, sondern alle Teilbereiche urbanen Lebens wurden mit einbezogen. Die nötigen Mietshäuser wurden erbaut, ich wohne in einem solchen im Westend, zu meiner vollen Zufriedenheit. So gut wie alle bedeutenden Straßen sind in der Zeit entstanden, von der Wilhelm Straße bis zur Schwalbacher. Dann die ganze Infrastruktur, Wasserleitungen, Kanalisation usw. Dann das System der Parkanlagen, die die Stadt durchziehen. Ferner: Bedeutende Gotteshäuser wie Ringkirche und Lutherkirche. Die großen Verwaltungsbauten und kulturellen Institutionen wie das neue Rathaus, Museum und Theater. Und natürlich Kurhaus und Kurviertel.

Altes Kurhaus
Das alte Kurhaus mit Kureck im Hintergrund

Das gesellschaftliche Leben verlagerte sich dorthin, damit haben wir eine weitere Verschiebung des Zentrums, ich nenne es das nach außen verlegte Herz.
Wie sehr die Grundidee dominierte, sieht man daran, daß  selbst wirtschaftliche Erwägungen ihr gegenüber hintangestellt wurden. Industriebetriebe sollten das Gesamtbild nicht stören. Ich zitiere eine Passage aus einem Aufsatz von Christian Spielmann aus dem Jahr 1893:

"Ein weiterer günstiger Umstand, der auf die Wiesbadener Gesundheitsverhältnisse bedeutend einwirkt, ist das Fehlen größerer Fabrikanlagen. Keine Rauchwolken verfinstern das Tageslicht, verpesten die Luft durch schlechte Gase und lagern ihre schädigenden Kohlenstoffatome in Luftwegen und Poren ab. Mit eiserner Konsequenz hat die Stadtverwaltung bisan daran festgehalten, daß der Lebenszweck und das Lebensinteresse Wiesbadens in seinem Kur- und Badewesen liegt, daß Gewerbe und Fabriktätigkeit erst in zweiter Linie berücksichtigt werden sollen und daß letztere, wenn sie dem Charakter der Kur widerspricht oder gar schädlich auf die Kurinteressen wirkt, ohne weiteres unterdrückt werden muß."

Ein solches Idealbild ließ sich angesichts der Realitäten des 20. Jahrhunderts  nicht  aufrechterhalten. In den Zwanziger Jahren wurde unter anderem Biebrich eingemeindet, damit war Wiesbaden eine Industriestadt geworden. Inzwischen ist viel Geschichte über die Stadt weggerast, es kam mit Professor May der Versuch, das alte Wiesbaden auszuradieren und ein ganz neues zu errichten, der Versuch ist nur teilweise gelungen. Die Frage: Was für eine Stadt soll Wiesbaden sein? Ist neu zu beantworten.

Allgemeines über die Gegenwart
Ich denke, es ist klar geworden, daß ich nicht einem Geschichtsbild anhänge, wonach das Spätere automatisch immer das bessere ist. Vergleiche sollte man allerdings unbefangen anstellen. Ehe ich mich nun der Gegenwart zuwende, möchte ich von gewissen Konstanten in der Stadtplanung reden. Gleichgültig wem diese anvertraut ist, die zu lösenden Aufgaben stellen sich von selbst. Dabei erscheinen in der Historie ähnliche Anforderungen in verschiedener Gewandung. Ich will ein paar nennen: Die Bevölkerung muß menschengemäß untergebracht werden, dazu braucht man Häuser und Wohnungen. Eine Grundversorgung muß gewährleistet sein, dazu bedarf es wirtschaftlicher Einrichtungen, und für deren Funktionieren sind Verkehrswege unerläßlich. Militärische Bauten haben in früheren Zeiten das Stadtbild entscheidend geprägt, Wiesbaden hatte zahlreiche Kasernenbauten, war umwallt bzw. ummauert und mit Gräben umgeben. Die Mauern sind gefallen, die Teiche trockengelegt, damit scheint die Sache erledigt, aber durch den Flugplatz Erbenheim als Teilstück des amerikanischen Hauptquartiers ist es in anderer Form zurückgekommen. Die Selbstdarstellung der Herrschaft oder Gemeindevertretung verlangt repräsentative Bauten, besonders eine Dienstleistungsgesellschaft hat große Mengen an Büroraum nötig. Der macht sich unübersehbar in unserer Stadt breit. Sakralbauten haben schon immer die Silhoutte der Stadt bestimmt, in den letzten Jahrzehnten ist nicht viel Neues dazugekommen, aber jüngst wird über die Errichtung von Moscheen gestritten. Menschen, die Zeit und Geld haben, suchen Ablenkung in kulturellen Einrichtungen und anderen Stellen, dafür muß gesorgt werden. Schließlich gibt es die städtischen Plätze, an denen sich entfalten soll, was man Urbanität nennt.
Bei allem was gebaut wird, gibt es einfachere und aufwendigere Lösungen. Ein Haus kann eine schlichte Kate, aber auch eine Villa oder ein Palais sein. Oder nehmen wir die Kirchen: die des neunzehnten Jahrhunderts ähneln Kathedralen, die meisten aus der Nachkriegszeit eher Fabriknebenbauten. Ein Verkehrsweg kann ein jämmerlicher Trampelpfad sein wie viele bis in die Neuzeit oder ein Boulevard oder eben eine Schnellstraße. Das mittelalterliche Wiesbaden war eine Zeit der Einfachstformen, die Häuser gerade so bewohnbar, die Straßen gerade so passierbar, die öffentliche Bäder gerade so, daß sie das Wasser hielten. Meine These ist, daß Stadtgestaltung erst dann interessant wird, wenn sie nicht nur gerade das Notwendige leistet, sondern den ästhetischen Mehrwert liefert, der uns als Betrachtern eine Freude bereitet und als Benutzern eine Bedeutung verleiht. Der puritanische Funktionalismus enthält uns beides vor, darin sehe ich einen entscheidenden Mangel.

Prinzipien der jetzigen Stadtplanung
Folgt die Wiesbadener Stadtplanung, wie sie nunmehr ziemlich gleichmäßig seit Jahrzehnten betrieben wird, einer Grundidee? Offenbar ist es nicht die der Bäderstadt des 19. Jahrhunderts. Die Kur ist tot, wurde erklärt. Zwar haben wir noch Bäder, aber die spielen nur am Rande eine Rolle, der Wellnessbereich, auf dessen Ausbau andere Städte so sehr setzen, wird bei uns nur halbherzig und provinziell betrieben.
Schaut man sich die bauliche Entwicklung der Nachkriegszeit im großen an, dann läßt sich erkennen, daß da, wo nicht einfach einem Notstand abgeholfen werden mußte, das treibende Motiv der wirtschaftliche Gewinn war. Ein Kritikpunkt von uns lautete schon in der Sache City Ost, daß die Verwaltung die Szene zu sehr der Spekulation überlasse. Anstatt strikte Vorgaben im Sinn einer Verbesserung der städtebaulichen Situation zu machen, überschreibt man dem, der Geld verdienen will, das Terrain zur Nutzung in seinem Sinn.
Um ein brandaktuellen Beispiel zu nehmen: die Dernschen Höfe zwischen Friedrichstraße und Mauergasse.

Dernsche Höfe
Das Projekt Dernsche Höfe

Hier haben Stadt und Land zusammen das Areal an einen auswärtigen Investor verkauft und den Preis so hochgetrieben, daß nur noch eine übermäßige Ausnutzung in Frage kam, d.h. Überbauung jedes Quadratmeters. Stadthistorisch handelt es sich um eine bedeutsame Stelle, an der Mauergasse verlief die alte Stadtmauer und in der Friedrichstraße begann das damals neue Wiesbaden.
Die Denkmalschützer der Stadt und des Landes haben gegen diese übermächtige Baumasse mit deutlichen Worten  protestiert, das wurde ignoriert (Wir  führen  übrigens einen Prozeß gegen die Verwaltung wegen der Mißachtung des Denkmalschutzes in diesem Fall, den wir in erster Instanz gewonnen haben). Das wirtschaftliche Interesse setzt sich hier über ganz elementare Anforderungen der Stadtplanung hinweg. Es entstehen Büros, obwohl es in Wiesbaden einen gravierenden Leerstand in Büroräumen gibt. Wenn etwas fehlt, dann sind es Wohnungen, die paßten nicht in das Kalkül des Investors. Einen früherer Beschluß der Stadtverordnetenversammlung, daß an dieser Stelle Wohnungen entstehen müßten, wurde einfach kassiert.
Ich führe die Dernschen Höfe als typisches Beispiel für die Verfahrensweise der Stadtpolitik an, ich könnte auch vom Luisenforum,  Liliencarré, Raiffeisenhaus am Kureck  oder von früheren Projekten reden.
Ein anderes auffälliges Leitmotiv der gegenwärtigen Stadtplanung sind die Events, für die Platz geschaffen wird. Bei der Ungestaltung des Bowling Greens war das offenbar der Hintergedanke. Da wo die Spaßgesellschaft nach der Eventfläche verlangt, wird der Denkmalschutz hintangestellt. Nach Auffassung von Fachleuten wird besonders der  Warme Damm durch darin abgehaltene Veranstaltungen gnadenlos übernutzt, d.h. der Baumbestand auf die Dauer zerstört. Alle Bemühungen, wenigstens das Wilhelmstraßenfest wieder auf die Wilhelmstraße zu verlegen, sind bisher erfolglos geblieben.
Der Eventhunger greift direkt in die Stadtplanung ein. So wird der Kochbrunnenplatz, wo einst Rosenbeete standen und für dessen Neugestaltung sehr reizvolle Vorschläge vorlagen, auf dem niedrigsten Gestaltungsniveau gehalten, damit sich hier jederzeit Massen versammeln können. Auf dem Mauritiusplatz hat man mit dem Hinweis auf mögliche Events die seltsam grabsteinartige Brunnenanlage an den Rand gesetzt, was den sowie so nicht überzeugenden Raumeindruck noch mißlicher macht.
Es mag sein, daß die Stadtpolitiker mit ihren Förderungsmaßnahmen für Feste und Events der Bevölkerung etwas geben wollen wie panem et circenses, Bratwürste und Ablenkung vom Alltag. Jedenfalls erscheint es mir oft so. Bei genauerer  Betrachtung sieht  man, daß auch hier ein ökonomisches Kalkül dahintersteckt. Events haben einen Marketingeffekt, heißt es, sie bringen Geld in die Stadt. Es wird uns vorgerechnet, wieviele Hamburger verkauft und Hotelzimmer gebucht werden, wenn Halfironmen bei uns ihre Künste zeigen.
Selbst wenn es stimmt, daß die Einnahmen die Ausgaben übersteigen, bleibt es auch wahr, daß die kurzfristigen Ereignisse auf Kosten eines langfristig integren Stadtbildes gehen. Und hier zeigt sich ein weiteres wesentliches Element der jetzigen Stadtplanung: sie will das Kurzlebige. Wie bei der industriellen Produktion kann das Geschäft nur blühen, wenn das Produkt nicht zu haltbar gemacht ist. Das 19. Jahrhundert wollte für lange Zeiten bauen. Heutzutage ist der Abriß nach wenigen Jahrzehnten eingeplant. Gebäude wie die Post am Hauptbahnhof oder der in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts gebaute Landtag wurden zu ihrer Zeit als Meisterwerke gefeiert, dann sah man, daß sie nichts taugten und hat sie abgerissen. Das Raiffeisenhaus am Kureck wurde einst bewundernd „Akzent“ genannt, jetzt gäbe man viel dafür, es wieder wegzuhaben.

RV-Hochhaus am Kureck
Das R+V Hochhaus am Kureck

Das eingeplante Verfallsdatum der Architektur führt zu einem dauernden Umbau der Stadt, die in kürzester Zeit ihr Aussehen stark verändert. Dabei könnte man hoffen, daß Bausünden wenig Chancen haben, alt zu werden. Allerdings wurden bisher häßliche Gebäude durch zumindest ebenso häßliche ersetzt, was die Hoffnung wieder herabstimmt.

Denkmalschutz
Ich komme zu der Beziehung der Stadt zu ihrer Geschichte. Umfragen zeigen, daß Menschen eine Stadt mit historischer Bausubstanz bevorzugen. Touristen in Wiesbaden lassen sich nicht zum Stadtplanungsamt, zum Delta Haus oder zum Statistischen Bundesamt, sondern zum Kurhaus und überhaupt zur Architektur aus älterer Zeit führen.

Gustav-Stresemann-Ring
Welcher Tourist will das sehen?

Daran zeigt sich, daß die historische Bausubstanz nicht nur eine ästhetische Qualität hat, sondern auch einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellt.
Es gibt Städte, die äußerst bewußt und raffiniert mit ihrem historischen Erbe umgehen, ich nenne Trier, wo die Schichten der Stadtentwicklung seit der Römerzeit für jeden Besucher deutlich herausgearbeitet sind. Wiesbaden ist sehr negligeant mit seinem Erbe umgegangen, eigentlich schon immer. Als vor etwa  hundert  Jahren die Fundamente des Palasthotels ausgegraben wurden, fand man eine gut erhaltene römische Therme. Der Kaiser durfte sie besichtigen, sie wurde dokumentiert und dann beseitigt.

Kaiser besichtigt römische Theremn
Der Kaiser besichtigt die römischen Thermen am Kranzplatz

Was am Schützenhof, einer anderen wichtigen Stelle des römischen Wiesbaden, beim Bau des Parkhauses Coulinstraße  und  beim  Bau  der  Mauritius-Galerie  zum  Vorschein kam, ist auch eher sang- und klanglos verschwunden. Und in diesem Jahr wurden bei der Ausschachtung für die Dernschen Höfe Teile der mittelalterlichen Stadtmauer und auch römische Reste gefunden, erhalten wurde nichts.

mittelalterliche Stadtmauer
Die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer in der Mauergasse

Das zeigt eine Lieblosigkeit im Umgang mit der eigenen Vergangenheit, die erklärlich macht, wie es in den sechziger Jahren zu den Mayschen Plänen kommen konnte, durch die fast das ganze alte Wiesbaden zerstört worden wäre. Man muß nun sagen, daß nach dem Aufstand gegen May ein gewisses Umdenken eingesetzt hat, Denkmallisten wurden eingeführt, der Bestand erfaßt, ich nenne besonders das verdienstvolle Werk von Sigrid Russ. Die Denkmalschützer haben ihren Frieden mit dem Historismus geschlossen. Gerade in den letzten Jahren haben viele Hausbesitzer ihre Häuser sorgfältig renoviert und die Architektur wieder zum Strahlen gebracht. Und auch die Stadtverwaltung hat Millionen aufgewendet, um wichtige Gebäude wieder herzustellen. Dieses Jahr sind die Villa Clementine, das Pariser Hoftheater und die Wartburg fertig geworden, wahrhaft glanzvolle Leistungen der Restaurierung.
Und doch bleibt der Denkmalschutz in gewissen Sinn ein Stiefkind der Stadtpolitik. Ich habe schon von dem ruinösen Umgang mit den denkmalgeschützten Parks gesprochen. Ebenso schlimm ist die Vernachlässigung des Ensembleschutzes. An schöne alte Häuser werden in absolut unpassender Weise gesichtlose Kästen am liebsten aus Glas angeklebt, Beispiel: Frankfurter Straße 5. Neben historische Villen werden jämmerliche Mietskästen gesetzt, Beispiel: Paulinenstraße. Oder das geplante Stadtmuseum, ein weißes Monster, an der Wilhelmstraße als Widerlegung der dort herrschenden Pracht. Hier gerate ich aber schon an das Problem der Architektur, das ich gleich ausführlicher behandeln will.

Plätze
Zunächst noch einige Bemerkungen zu den Plätzen. Wir alle kennen Plätze, wo wir nur zu gerne verweilen, sie müssen nicht einmal in Italien sein, mir persönlich reicht schon der Domplatz in Mainz. An den  Plätzen  erweist  sich, was eine Stadtplanung
kann. Sie müssen gut proportioniert, angemessen gerahmt sein, und zwar mit interessanten, erfreulichen Fassaden, eine Möblierung haben, die dem Auge wohltut, die lebendig ist, deshalb sind Brunnen so gut.
Wenn man unter diesem Gesichtspunkt die Wiesbadener Plätze betrachtet, muß man einfach sagen: sie sind, außer dem Schloßplatz und bei aller Einschränkung: dem Luisenplatz,  mißraten, der Bahnhofsvorplatz nur leer, der Mauritiusplatz öd, der Platz der Deutschen Einheit geht gerade von einem abstoßenden Zustand in einen andern abstoßenden über, gleiches gilt für kleine Plätze, den Kurplatz, das Plätzchen an der Webergasse, das hinter Karstadt und das vollständig mißratene Endstück der Langasse mit dem Brunnenhaus.

Mauritiusplatz
Der Brunnen auf dem Mauritiusplatz

Kurplatz
Der Kurplatz

Wenn man sehen will, was die Stadtplanung fertig bringt, wenn sie ganz frei außerhalb der historischen Bebauung agieren kann, muß man sich das Forum im Sauerland oder noch besser den nagelneuen Christa-Moering-Platz im Künstlerviertel anschauen: das ist eine sterile Totenwelt, das wahre Gegenbild zum Platz als verlockender Begegnungsstätte.
Die Planer wissen einfach nicht, wie ein Platz aussehen muß, sie können nur zubauen oder ausräumen. Sie denken, wenn sie eine Fläche mit Platten belegen, dann ein paar häßliche Bänke und Abfalleimer und Lampen draufstellen, die wie Mückenvernichter aussehen, dann haben sie einen Platz geschaffen. Es ist dringend nötig, sie von diesem Wahn zu befreien. Eine Stadt lebt auch von ihren Plätzen, und Wiesbaden mit seinen kurzen Wegen speziell könnte über ein System miteinander vernetzter Plätze verfügen, von denen jeder einen eigenen Charakter, eine eigene Attraktivität hätte.
Über Jahrzehnte haben die Stadtplaner nicht sehen wollen, was für Möglichkeiten in den Flächen rund um das Rathaus stecken, und sehen es immer noch nicht. Jeder Besucher des Weinfestes kann das mühelos erkennen. So eine Platzfolge im Zentrum ist etwas Wunderbares. Erst wollte man das Dernsche Gelände mit einem Hochhaus zubauen, dann weigerte man sich, aus dem Gelände durch eine Randbebauung einen Platz zu machen, dann setzte man eine so gesichtslose Kiste wie das Kinderhaus neben die Marktkirche und jetzt diese monumentalen Schauerbau, der sich Dernsche Höfe nennt und die Mauergasse verzwergt. Das einzig Gute ist, daß ein Durchgang an der Nordseite der Marktkirche  geschaffen  wurde.  Jedenfalls  liegt  hier  eine  Zu-kunftsaufgabe ersten Ranges, die allerdings einen andern Typus von Planer verlangt, als wir ihn augenblicklich haben.

Architektur
Durchdenkt man die Stadtplanung von verschiedenen Seiten, kommt  man  immer zu  demselben Punkt: alles hängt davon ab, wie etwas konkret aussieht. Der ganze Planerjargon von der Aufwertung des Areals, von der Attraktivitätssteigerung, der hochwertigen Architektur, der Transparenz und den filigranem Oberflächen hilft uns überhaupt nichts, sondern es zählt nur, was unsere Augen tatsächlich zu sehen bekommen. Die Problematik zeitgenössischer Architektur ist natürlich nicht auf Wiesbaden beschränkt, sie stellt sich überall, aber es scheint mir, daß in Wiesbaden seit Jahrzehnten eine dogmatische Verhärtung herrscht, die auch nur die geringste Erweiterung des Spektrums verhindert, während man in andern Städten doch Dinge zu sehen bekommt, die über das langweilige Normalmaß des international style hinausgehen.
Wir hatten im letzten Jahr im Presseclub einen Vortrag von Dankwart Guratzsch, dem Architekturkritiker der „Welt“, mit dem Titel „Kann Historismus Sünde sein?“ Anhand vieler Beispiele und Bilder machte Guratzsch vor allem zwei Dinge klar:

1) Die herrschende Richtung zeitgenössischer Architektur basiert auf einer im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelten Ideologie, die, was das zerstörerische Potential angeht, durchaus vergleichbar ist mit den andern großen Ideologien des 20. Jahrhunderts. Corbusier wollte das gesamte alte Paris niederlegen und die Bevölkerung in wenigen Hochhäusern unterbringen. Die Mayschen Planungen für Wiesbaden muß man vor diesen Hintergrund sehen.

2)  Architektur heute besteht nicht nur aus dieser herrschenden Richtung, sondern aus einer Vielfalt von Stilen, es gibt durchaus erfolgreiche Bestrebungen, an die große europäische Tradition wieder anzuknüpfen. Nur werden solche Bestrebungen  mit wahrhaft missionarischem Eifer von den Erben Corbusiers und des Bauhauses bekämpft. In Wiesbaden ist es besonders der Architektenbeirat, der seit Jahr und Tag die Erweiterung des Formenschatzes zu verhindern sucht. Laut Satzung berät er die Stadt unabhängig, Mitglieder des Beirates werden aber von der Stadt mit großzügigen Aufträgen bedacht. Sie bilden in Theorie und Praxis eine Sperre gegen Neuerungen. Diese Sperre müßte endlich aufgehoben werden. Nach meiner Überzeugung muß es mehr öffentliche Architekturkritik geben.  Bilder kann  man  weghängen, Bücher kann man wegstellen, Architektur muß man ertragen. Der Wiesbadener Architektenbeirat hat sich bislang einer kontroversen Debatte entzogen. Über Geschmack kann man nicht streiten, heißt es, ich bin da anderer Meinung, aber selbst wenn es so wäre, wäre gerade das ein Grund, eine Vielfalt von Architektur zuzulassen, und nicht eine sehr reduzierte Formensprache für die allein Gültige zu erklären. Wir haben vor einiger Zeit einen Wettbewerb zu den häßlichsten Neubauten der letzten zehn Jahre in Wiesbaden ausgeschrieben. Daran hat sich die Bevölkerung rege beteiligt, und bei den Vorschlägen waren an prominenten Stellen die von der Stadtverwaltung und vom Architektenbeirat besonders lobend hervorgehobenen Bauten. Sieger war, sowohl nach Zahl der Einsender als auch dem Votum des Preisgerichts, das Luisenforum.
Das Luisenforum ist aus einem Wettbewerb heraus entstanden, den die Stadt zusammen mit Karstadt veranstaltet hat. Auch der für das Dernsche Gelände vorgesehene Schweger-Bau war ein Wettbewerbsergebnis, ebenso die Dernschen Höfe. Diese Wettbewerbe  sind, wie sie in Wiesbaden gehandhabt werden,  in meinen Augen ein Täuschungsversuch gegenüber der Bevölkerung, mit welchem den Leuten weisgemacht werden soll, daß es ein breites Spektrum von Ideen gäbe, aus welchem die beste ausgewählt würde. Das ist mitnichten der Fall. Ich habe in verschiedenen Preisgerichten mitgewirkt, und kenne mich insofern auch von innen aus. Die Wettbewerbe werden so organisiert, daß nur ein bestimmtes Ergebnis herauskommen kann, d.h. eine Architektur im Sinne der gewünschten Richtung. Dieses Ergebnis wird erzielt, indem die Vorgaben entsprechend formuliert sind und sowohl die gesetzten Büros als auch die Fachpreisrichter im Preisgericht so ausgewählt werden, daß eine nicht gewünschte Architekturrichtung keine Chance hätte. Fachpreisrichter sind meistens selbst Architekten, jeder kann sehen, wie sie bauen. Die Teilnahme an einem Wettbewerb ist sehr kostspielig, deshalb rechnet sich jedes Büro vorher sorgfältig aus, ob es erfolgreich sein könnte, und dazu schaut man auf die Fachpreisrichter. Sind die alle von einer gegnerischen Fraktion, ist es sinnlos, sich zu bewerben. Auf diese  Weise  kann eine Verwaltung jeden Wettbewerb steuern. Es ist typisch, daß bei dem Wettbewerb zu den Ergänzungsbauten des Gerichts in der Moritzstraße   –   es  geht  um  die   Unterbringung der European Business School - eins der von der Stadt gesetzten Büros das  Schwegersche war, also jenes Architekten, dessen Projekt die Bevölkerung im Jahre 1994 mit überwältigender Mehrheit abgelehnt hat. Auch das Büro, das das Luisenforum gebaut hat, war dabei. Nach jenem Bürgerentscheid haben wir versucht, für eine Randbebauung des
Dernschen Geländes in Kooperation mit der Stadt einen Wettbewerb der wirklichen Alternativen abzuhalten. Damals haben wir in tagelangen zähen Verhandlungen erreicht, daß Büros ganz verschiedener Ausrichtung und Preisrichter mit ganz verschiedenen Architekturauffassungen ausgewählt wurden. Wenn der Wettbewerb stattgefunden hätte, wäre er - um ein Lieblingswort unseres Oberbürgermeisters zu benutzen – sehr spannend geworden. Die Politiker haben dann, wie schon gesagt, die ganze Sache kurzerhand abgeblasen.

Forderungen
Hier am Ende meiner Ausführungen möchte ich in Stichworten einige Forderungen zusammenfassen, die sich aus vorigem ergeben, die allerdings eine  Stadtplanung voraussetzen, welche sich dem Vergleich mit früheren Leistungen stellt, für neue Ideen offen ist und sich nicht ideologisch abkapselt:

  • Herausarbeiten der Wiesbadener Geschichte, d.h. auch konsequenter Denkmalschutz;
  • Entwicklung von Leitlinien für die Zukunft, die die Besonderheit Wiesbadens berücksichtigen;
  • Städtebauliche Verbesserung vor ökonomischem Gewinn, d.h. nicht: keine Investoren, sondern anderer Umgang mit den Investoren;
  • Platzgestaltung nicht nach den gewohnten Schemata, sondern aufgrund eines Studiums erfolgreicher Plätze auch historischer Plätze in andern Städten;
  • Wettbewerbe nur noch mit wirklichen Alternativen, also ganz verschiedenen Architekturrichtungen, und mit entsprechender Besetzung des Preisgerichts;
  • In der Baupolitik Anwendung des Kriteriums der Ensemblegerechtigkeit, also Vermeidung des Prinzips der Kontrastarchitektur;
  • Förderung von einer nicht minimalistischen, einer phantasievollen, menschengerechten Architektur mit andern Materialien als nur Beton, Stahl und Glas. Wir haben der Stadtplanung ein Album mit Beispielen alternativer Architektur übergeben, keins der von uns genannten Büros ist bisher berücksichtigt worden.*

*Anmerkung: In dem Album sind Arbeiten der folgenden Büros dokumentiert: Atelier art urbain / Vizzion, Brüssel; Infra – Gesellschaft für Umweltplanung, Mainz; Kahlfeld, Berlin; Prof. Hans Kollhoff, Berlin;  Rob Krier / Christoph Kohl, Berlin; Lederer + Ragnarsdóttir + Oei, Stuttgart; Christoph Mäckler, Frankfurt/Main; Patzschke u. Partner, Berlin Architekturbüro Franco Stella, Vicenza/Italien; Architektenteam Tipke, Buchholz 
Unsere Angaben sind den entsprechenden Websites entnommen, können also im Internet angeschaut werden. Aus urheberrechtlichen Gründen können wir die Bilder nicht an dieser Stelle veröffentlichen. Unser Album liegt in unserm Büro im Rathaus, Schloßplatz 6, Zimmer 308 zur Einsicht bereit.

Alle hier gezeigte Bilder sind urheberrechtlich geschützt. © Thorsten Reiß

Laden Sie sich den Vortrag als Broschüre im pdf-Format herunter: klicken Sie hier

 

   
weitere informative Internetseiten Pfeil Naturschutzhaus   Pfeil Mehr Demokratie   Pfeil Kein Kohlekraftwerk   Pfeil Stadt Wiesbaden Pfeil Mattiaca Wiesbaden
 
Copyright © 2008 BLW-Fraktion Wiesbaden